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Als Single leben

Plädoyer für ein verkanntes Lebensmodell  

 

Single-Leben ist in der öffentlichen Aufmerksamkeit fast ‚ein unbeschriebenes Blatt‘ – als handele es sich um ein vereinzeltes, vorübergehendes Phänomen, das zu vernachlässigen sei. Dabei wird es langsam und leise neben der Familie zur zweit- wichtigsten Lebensform in unserer Gesellschaft. Aber Millionen sind auf der Flucht und suchen nach neuem Glück in Partnerschaft, um einem Gefühl von Mangel, von nicht-gelebtem Leben, von etwas-stimmt-nicht-mit-mir und von Ausgrenzung zu entgehen. Besonders wenn dieses Lebensmodell unfreiwillig besteht und seine besonderen Qualitäten nicht genutzt werden.

 

Was muss getan und was unterlassen werde, damit Single-Leben so froh und füllig wird, dass ein Mensch ‚bei sich sein‘ kann und die Freiheit mit Lust und Liebe füllt? Das „innere Kind“ meldet sich zu Wort mit seinem ganzen Potential …

 

Der Text behandelt folgende Aspekte

 

- Single –ein verbreitetes Lebensmodell

- Vorzüge und Herausforderungen im Vergleich zu Partnerschaft/Familie

- die Macht der inneren Haltung (Freiwilligkeit)

- Aufgaben eines Singles für ein gutes Leben

- sich selbst beste/r Freund/in werden

- das ‚innere Kind‘ erleben und pflegen

- praktizierte Selbstliebe (eine Übung)

- die langfristigen Gewinne aus bewusst gelebten Single-Zeiten

- neue Modelle für die Zukunft

 

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Singles (oder „Alleinstehende“ – wie es in Statistiken oder im Steuerrecht heißt) sind keinesfalls ein modernes Phänomen und schon gar kein seltenes. 2010 wurden in der BRD 43 % aller Personen als „Alleinlebende“ erfasst (ohne minderjährige Kinder), dazu kamen 6 %  Alleinerziehende (mit minderjährigen Kindern). Die Begriffe sind nicht eindeutig, denn Alleinstehende können durchaus einen Partner haben, der jedoch nicht im selben Haushalt lebt und somit ebenfalls als „Single“ erfasst wird. Auch werden Bewohner von Wohngemeinschaften einzeln als „Ein-Personen-Haushalt“ gerechnet. Nach dem Mikrozensus 2005 lebten 26 % aller Frauen und 28 % aller Männer ohne Partner, d. h. es gab etwa 8,5 Millionen alleinstehende Bundesbürger plus etwa 2,2 Millionen Alleinerziehende, die meisten von ihnen Frauen. In der Schweiz lebten 2005 15 % der Menschen in Ein-Personen-Haushalten, in Städten werden mehr als 50 % der Haushalte nur von einer Person bewohnt. Auf zwei deutsche Eheschließungen kommt etwa 1 Scheidung pro Jahr. In den USA gibt es mittlerweile mehr Singles als verheiratete Paare. Die sogenannte „Klosterstudie“ gibt an, dass verheiratete Personen zwar länger leben als unverheiratete, Ledige jedoch länger als Verwitwete und Geschiedene. Besonders ältere Männer scheinen unter dem Verlust ihrer Partner zu leiden, ihre durchschnittliche Sterblichkeitsrate steigt stark an.

(Quellen: www.statistik-portal.de. www.wikipedia.de. Vergleich von Kloster- und Allgemeinbevölkerung in: Materialien zur Bevölkerungswissenschaft. Nr. 106, Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, Wiesbaden 2002, ISSN 0178-918X, S. 12 f.)

 

Trotz dieser enormen Verbreitung hängt dem Single-Leben noch immer ein Geruch von ‚Mangel‘ an – kein Wunder in einer seit jeher auf Familie und Partnerschaft gründenden Kultur. Weihnachten als ‚Familienfest‘ lässt Millionen Singles außen vor, ebenso z. B. die Nahrungsmittelwerbung (Rama, Jacobs, Waschmittel und Co.). Moderne Kommunikationsmittel dagegen zielen stark auf die Jugendkultur und den Austausch in großen Netzwerken. Auch die Reisebranche hat inzwischen Singles jeden Alters als Kunden mit besonderen Wünschen entdeckt. Sie zeigen, dass nach dem Aufbrechen der tradierten Lebenskonzepte in den 70ern nun Single-Leben als freiwillige (!) Lebensweise gesellschaftsfähig geworden ist. Dennoch suchen Jung und Alt immer noch nach dem Traumpartner und Internetbörsen verdienen an Millionen von Mitgliedern, die häufig gleich mehrfach ‚verlinkt‘ sind. 

 

Es macht einen großen Unterschied, ob der Status als Single freiwillig, vorübergehend und altersentsprechend erlebt wird, ob jemand eine ‚Wahl‘ hat oder sich als hinein gezwungen erlebt. Junge Menschen tun sich leichter, ebenso Menschen mit Selbstentfaltungswünschen und  Vorerfahrungen in solcher Art Autonomie. Sogenannte ‚Ressourcen‘ spielen eine enorme Rolle.

 

Single-Leben ist eine ‚andere‘ Lebensform mit anderen Vorzügen und anderen Nachteilen. Sie hat große Freiheiten zu bieten, also Reize, die Partnerschaft und Familie weniger aufzuweisen haben. Aber nur wer diese Chancen sieht und nutzt, wird keinen ‚Mangel‘ erleben, nicht heimlich auf Paare schielen und auf die baldige Veränderung seines Status hoffen. Leben in einer Partnerschaft/Familie hat eigene Qualitäten: Zugehörigkeit, Geborgenheit, körperliche Zärtlichkeit und Sexualität, vielleicht Kinder, auf jeden Fall häufiger gemeinsames Erleben und Teilen, gemeinsame Verantwortung und Identität, ein ‚Wir-Gefühl‘. Leben als Single dagegen punktet mit mehr Flexibilität, mehr Autonomie, oft mehr Nähe zu sich selbst und auch mehr Selbstbewusstsein, denn die Verantwortung liegt nur auf einem Paar Schultern und benötigt große Eigenständigkeit. Mit den Fähigkeiten wächst auch das Selbstvertrauen.

 

Hier eine Übersicht zu Aufgaben, die einem zufriedenen Single am Herzen liegen:

 

- Alltag: Zeitplanung für Werktage und Wochenendtage (besonders in der Anfangszeit

               und bei nicht berufstätigem Leben), gute Selbstversorgung z. B. bei Nahrung,

               Haushaltsführung, Regelung von Finanzen und ‚Papierkram‘, Sorge für Auto,

               Wohnung etc.

- soziale Kontakte: einen verlässlichen Freundes- und Bekanntenkreis aufbauen und

               unterhalten, gemeinsames Tun ermöglichen, Freude und Kummer teilen, Nähe

               und Geborgenheit erleben (auch Haustiere können kostbare Freunde sein!)

- Selbstfürsorge: Gesundheitsfürsorge, körperliches und psychisches Wohlbefinden

- Freizeit: Interessen und Ziele entwickeln, für ‚Highlights‘ und Abwechslung sorgen,                Urlaub und Feiertage gestalten, allzu viel Routine und Nachlässigkeit verhindern 

- Identität: mit sich selbst und dieser Lebensform in Frieden leben, lernen, an sich als                Persönlichkeit weiter zu arbeiten, bewusst einen eigenen Lebenssinn finden. 

 

Dreh- und Angelpunkt ist die Freiwilligkeit. Aus ihr entspringt eine positiv-kreative statt einer niederdrückend-lähmenden Haltung. Das eigene psychische Erleben ist in gewisser Weise ‚nackter‘ als in einer Lebensgemeinschaft: Man ist mit sich selbst unmittelbar konfrontiert. Wer am Wochenende keine Planung hat, wer nicht rechtzeitig für Freude, Aktivitäten und Austausch mit anderen sorgt, den erwarten schnell Stillstand, Langeweile oder Einsamkeit. Dazu später mehr im Abschnitt „Das innere Kind“.

 

Schwierig ist oft der der Übergang in das Single-Leben, wenn an seinem Anfang eine Trennung oder ein Verlust stehen. Die neue Lebensform wurde nicht ‚gewählt‘, sondern ist eine Notlösung, aus der sich wieder zu befreien als höchstes Gebot erscheint. Schnell entwickelt sich eine Spirale aus negativ gefärbten Gedanken und Gefühlen, die zum weiteren sozialen Rückzug oder zur hektischen Suche in (Internet-)Netzwerken verleiten. Wer einsam und scheinbar vergessen in seiner Wohnung hockt, der verliert schnell mit jedem Tag an Lebenskraft. Die Anregung zur Auseinandersetzung, zur Bewegung, die durch andere Menschen im direkten Umfeld kommt, fehlt, die Uhr scheint langsamer als sonst zu ticken.  Andererseits: Wer sich bewusst für eine längere Single-Zeit entscheidet, um innere Prozesse zu vollziehen und zu mehr Autonomie zu gelangen, kann darin auch gute Startbedingungen finden.

 

Single-Leben muss ‚gelernt‘ werden. Erst durch Ausprobieren und Erfahrung wachsen Erkenntnisse, wo genau die eigenen Bedürfnisse liegen und wie diese am besten zu erfüllen sind. Es dauert eine Weile und benötigt Offenheit und Kreativität, bis ein soziales Netz und eine Vielzahl von Aktivitäten aufgebaut sind, die tragen. Allein in ein Café oder ins Kino zu gehen bedeutet für viele erst einmal Unwohlsein. Als Single fühlt man sich unter Paaren anfangs wie ein ‚drittes Rad am Wagen‘ und der alte Bekanntenkreis erwartet in der Freizeit gute Laune und Spritzigkeit. So kann man sich unter vielen Menschen einsam fühlen. Wirklich gute Freunde und andere Singles werden nun zum Segen. Nach einer Weile wird mancher feststellen, dass Singles sich ebenso gegenseitig anziehen und ‚finden‘ wie Paare oder Familien. Sie bilden eine eigene Gruppe in der Gesellschaft, gestalten nicht nur Freizeit zusammen, sondern teilen auch ‚Freud und Leid‘, unterstützen in der Not und haben ein offenes Ohr für die Gedanken, die im Alleinsein ins Bewusstsein aufsteigen.

 

Dass Dauer-Singles zu Egoismus oder Schrulligkeit neigen würden, ist ein übles und pauschalisierendes Vorurteil. Im Gegenteil: Es braucht erhebliches soziales Geschick und umsichtiges Planen, einen Freundeskreis zu pflegen und einen Lebenssinn jenseits von Sozialstatus und Geld zu entwickeln. Und erstaunlicherweise spielen große Altersunterschiede, Herkunft und Statusdenken dabei oft kaum eine Rolle.

 

 Im Alleinsein spiegelt sich direkt, ob wir uns selbst ‚der beste Freund‘ / 'die beste Freundin' sind. Selbstliebe ist oft das Ergebnis eines langen inneren Selbstfindungsprozesses. Häufig sind die Ansprüche an Authentizität danach so hoch, dass sich eine ‚zweitklassige Partnerschaft‘ geradezu verbietet. Neben allen Freizeitangeboten und Alltagsstrategien liegen die größten Ressourcen also in der Weise, wie ein Mensch mit sich selbst umgeht: freundlich, aufmerksam, ehrlich, fair - oder niedermachend, taub und ängstlich. Von lat. resurgere bedeutet ‚Ressource‘ so viel wie ‚Mittel‘ oder ‚Quelle‘, also Fähigkeiten, Charaktereigenschaften, eine geistige Haltung und andere Qualitäten des Lebens, die stärker machen. Sogar starke Lebenserfahrung wie eine schon früher einmal bewältigte Lebenskrise wirkt sich hier positiv aus. Ein sattes finanzielles Polster, der berufliche Status oder ‚Vitamin B‘ können das kaum  ersetzen.


Das „innere Kind“ ist ein Begriff aus der Psychotherapie. Dennoch ist es niemandem fremd.

In jedem Menschen, der heranwächst und erwachsen wird, lebt das Kind, das er einmal war, weiter – bis zum Lebensende. Wie die Jahresringe eines Baumes ‚in‘ ihm weiterleben, so auch die verschiedenen Altersstufen dieses Kindes. Und wie beim Baum sind die unsichtbaren ‚Jahresringe‘ der Bausatz für die Stärke des Stammes. Alle seelische ‚Nahrung‘ hat direkt oder indirekt mit unsrem „inneren Kind“ zu tun, so gut wie nichts geht an unseren Gefühlen vorbei.

Das „innere Kind“ zeigt - wenn es zugelassen wird - alle wunderschönen Seiten, die wir als Kind hatten, die Neugier, das Spielen, das Mitfühlen, das Sanfte und das Wilde. Aber es zeigt auch seine bedürftigen Seiten. Es braucht manchmal so dringend Streicheleinheiten und Aufmerksamkeit, dass es danach schreit. Wenn wir etwas Schönes erleben, dann geben wir dem "inneren Kind" in uns Nahrung und es wird fröhlicher und ausgeglichener. Wenn wir es unterdrücken oder vergessen, dann hungert das "innere Kind". Eric Berne hat in der „Transaktionsanalyse“ die Grundbedürfnisse des „inneren Kindes“ in ‚aktive‘ und ‚passive‘ unterteilt. Im ersten Bereich sind dies vor allem Spielen, Ausprobieren, Lernen, etwas erschaffen, Lob bekommen, Vorbilder und seinen Platz in einer Gemeinschaft haben, mit anderen Menschen in positivem Sinne interagieren. Zu den eher ‚bedürftigen‘ Seiten des Kindes gehören Willkommen sein, Liebe erhalten, Geborgenheit und Wärme, Schutz und Versorgung von emotionalen und körperlichen Bedürfnissen. Stellen Sie sich einmal den paradiesischen Zustand vor, in dem all diese Bedürfnisse regelmäßig erfüllt wären und wir uns ‚gefüllt‘ fühlen könnten!

 

Aber der später erwachsene Teil der Persönlichkeit (der „innere Erwachsene“) lernt von seinen Vorbildern in der Kindheit und Jugend, wie er einmal mit sich selbst umgehen soll: wirkliche Zuwendung oder abgespeist werden mit Geld, liebevolle Offenheit und Fürsorge oder karge Erziehung nur mit dem Nötigsten. Wer sich selbst mit viel Disziplin ständig ‚im Griff‘ hat, der hat gelernt, das "innere Kind" in eine Art Rüstung zu packen – fast nichts dringt mehr nach außen oder von außen ins Innere. Der Mensch wird starr. Kein Wunder in einer Gesellschaft, die über Generationen durch Kriege, Notzeiten und hohe Arbeitsmoral geprägt war. Viele Eltern der Kriegs- und Nachkriegsgeneration konnten kaum vermitteln, was ihnen selbst massiv gefehlt hatte.

Spätestens Heranwachsende müssen sich anhören, dass sie neben ihren Bedürfnissen auch Pflichten und Verantwortung haben und Verzicht zum Leben dazu gehöre. So wurden Männer bis vor wenigen Jahren auf zielorientiert und ‚erfolgreich‘ gepolt, häufig auch konkurrierend und stets ‚kühl über den Dingen stehend ‘. Frauen ging es nicht besser, nur mit anderen Inhalten wurde von ihnen Funktionieren in ihren Rollen gefordert.

 

Dabei wird häufig das „innere Kind“ vergessen, verdrängt oder auf einen Restplatz in der Freizeit verwiesen. Je weniger ein Mensch diesen Teil seiner inneren Fülle lebt, desto freudloser wird sich sein Lebensgefühl entwickeln. Diese „inneren Kinder“ grämen sich, manche verbittern und neiden anderen oder sie trauern und werden depressiv. Allzu gern will dann der erwachsene Teil in der Person (der „innere Erwachsene“) das Kind zum Schweigen bringen. Beliebte Strategien sind TV, Alkohol, ständige Arbeit und Geld oder immer neue Luxusgüter, die gekauft werden und doch bald wieder verblassen. Oft suchen Menschen auch nach anderen Menschen, die das "innere Kind" für sie füttern mit Aufmerksamkeit, Lob, Unterhaltung, selbst Kümmern um Essen und Wohnung. Aber dieser Mensch ist abhängig und wird wütend, wenn andere sich eben nicht genug kümmern. In gewisser Weise ist das verständlich.

 

Es ist kein ursächliches Problem des Single-Daseins, sondern gesellschaftsübergreifend. Auch in Familien oder Partnerschaften liegt manches im Argen und werden nie alle Bedürfnisse erfüllt. Oft sogar kommt ein Mitglied in einer Gemeinschaft zu kurz, weil immer die anderen ‚zuerst dran sind‘, weil chronische Konflikte oder Konkurrenz Nähe und Geborgenheit verhindern. Nur fällt es dem Single stärker auf, wenn die Selbstliebe Lücken aufweist, denn er hat oft gerade keine andere Person zum ‚Delegieren‘ in seiner Nähe. Diese Engpässe melden sich besonders gerne während der Zeiten, in denen andere ihre Gemeinschaft zelebrieren. Und die Werbeindustrie tut ein Übriges, Feiertage, Wochenende und Urlaub zu „Familienereignissen“ zu erklären. So verdienen sie sowohl am ‚Luxus‘ der einen Seite wie am ‚Mangelerleben‘ der anderen.

 

Dieses Ungleichgewicht mit allerbester Selbstfürsorge und vorausschauender Planung auszugleichen ist die ‘ heilige‘ Aufgabe der „inneren Erwachsenen“. Single-Leben bietet reichlich (neuen) Freiraum dafür, sich dem „inneren Kind“ ausführlich zu widmen. Dazu müssten wir es aber begrüßen, wenn es sich bemerkbar macht,  nicht nur über angenehme Gefühle, auch über plötzliche Impulse oder Unlust. Das kann ein rascher Gefühlswechsel sein, eine Idee, die sich meldet, ein ‚Hunger‘, den wir verspüren. Oder aber Unwohlsein, das Bedürfnis nach Rückzug und Wärme oder eine tiefe Wut über Verbote, Verzicht oder früher erlebtes Leid. Denn das „innere Kind“ spürt sehr genau, welchen Stellenwert es bei dem „inneren Erwachsenen“ hat. Wer ständig zu anderen ja sagt, der sagt damit oft zu sich selbst nein. Wer mit sich selbst ‚Verabredungen‘ trifft und diese dann für scheinbar Wichtigeres verwirft, der stellt sich selbst in die letzte Reihe. Und manchmal braucht das „innere Kind“ eine extra Portion Zuwendung, für die ein anderer Plan für den Abend weichen muss. Wer sein eigenes „inneres Kind“ mit ganzen Herzen ‚neu adoptiert‘, der gibt ihm Sicherheit und zeigt seine Bereitschaft, es zu schützen und zu versorgen, egal was kommt. Dieses Kind wird ruhiger und zuversichtlicher. 

 

Eine nachhaltige Strategie, um sich selbst wieder zu er-fühlen und zu er-füllen ist „eine kleine Freude für sich selbst jeden Tag“. Dinge mit wenig Aufwand, aber großer Wirkung: Naturerlebnisse, Spielen, Malen, Tanzen, Trommeln oder auch Badewanne mit Kerzen, für sich selbst liebevoll zu kochen oder sanfte Musik zu hören. Die oben beschriebene ‚Rüstung‘ wird durchlässiger und beweglicher. Das „Kind“ fängt an, sich selbst wieder zu vergnügen, das können Kinder nämlich gut. Manchem verhilft ein eigenes Haustier zu dem wichtigen Miteinander, auch die Beschäftigung mit Pflanzen oder anderen natürlichen Elementen. Mit der eigenen neuen Fülle werden wir automatisch attraktiver für andere, aber noch wichtiger ist, dass wir uns selbst als erfrischt und lebendig erleben, manchmal so sehr, dass es nicht mehr so wichtig ist, wie wir auf andere wirken, weil wir mit dem (neuen) Erleben beschäftigt sind. Wer eigene Kinder oder Enkel hat, kann viel mit ihnen unternehmen, denn sie wollen ja selbst lebendig sein und dies teilen.

 

Solche Selbstfürsorge (für-sich-selbst-sorgen) ist nicht zu verwechseln mit Egoismus, es ist praktizierte Selbstliebe. Sie schadet – wenn auf gesunde Weise betrieben - keinem anderen, aus der inneren Fülle heraus kann man sogar wieder viel verschenken. Solche Menschen sind zwar für andere manchmal etwas ‚unbequem‘, weil sie eine eigene Meinung darüber haben, was für sie Lebensqualität bedeutet, aber sie haben die ‚Quelle des Glücklichseins‘ in sich selbst (wieder) entdeckt. Durch ihre größere Autonomie in der Bedürfnisbefriedigung sind sie auch weniger anfällig für Manipulationen anderer und haben es nicht nötig, andere zu manipulieren. „Liebe den anderen wie dich selbst“ impliziert,  erst einmal sich selbst lieben zu lernen. Und das meint auch, sich mit den vielleicht im Alleinsein auftauchenden ‚Leichen im Keller‘ auseinander zu setzen. Dazu können eine Psychotherapie oder eine Selbsthilfegruppe wertvolle oder sogar notwendige Begleitung auf dem Weg sein. Erst wer Frieden mit sich selbst geschaffen hat, ist tief friedensfähig im Zusammensein mit anderen.

 

Langfristige Gewinne aus bewussten Single-Zeiten schafft Beziehungsfähigkeit!

Klar  - gegen Verliebtheit und vielleicht eine neue verheißungsvolle Partnerschaft haben diese Empfehlungen schnell schlechte Karten, denn Verliebtheit kommt wie ein Geschenk zur Tür herein, während man für die Lebendigkeit des "inneren Kindes" etwas ‚tun‘ muss und sich das innere Sattwerden erst langsam aufbaut. Aber dafür wirkt es nachhaltiger - es geht nicht mehr verloren und macht ziemlich krisenstabil. Wer sich auf dem ‚freien Ozean‘ bewährt hat, der wird auch selbstbewusst (sich seiner selbst bewusst) bleiben, wenn er wieder in den ‚Hafen‘ einer Partnerschaft einfährt.  Zwei Menschen, die ihre eigene ‚Quelle‘ in sich entdeckt haben, können sich gegenseitig beschenken, statt in der üblichen ‘Arbeitsteilung‘ von Beziehung der Gefahr ausgesetzt zu sein, voneinander lebenspraktisch oder auch emotional abhängig zu werden. Denn dann erlebt sich ein Mensch (oder seinen Partner) als ‚unvollständig‘. Das Modell hieße also: 1 + 1 = 3 statt 1/2 + 1/2 = 1. Der Gewinn (die 3) entsteht dann, wenn jeder genug für sich selbst und zusätzlich viel zu verschenken hat an Lebendigkeit und Liebe. Dann taucht dieser besondere Zauber auf, den wir bei Verliebtheit spüren, oder bei jeder anderen Form von Begeisterung.

 

In einer Partnerschaft gibt es besondere Geschenke: Zärtlichkeit, Sexualität, oft auch tiefes Vertrauen und das gemeinsame ‚Wir‘. Aber auch das Risiko, dass es weh tut, wenn die ‚Schere‘ auseinander geht und eben nicht ‚alles‘ geteilt werden kann oder der Partner eigene Wege geht. Je autarker ein Mensch ist, desto weniger ist er ‚bedürftig‘. Und desto mehr Freiräume kann er einem anderen Menschen lassen, ohne selbst darunter zu leiden. Genauso umgekehrt: desto mehr Freiräume wünscht er für sich selbst – keineswegs im Sinne von Egoismus, sondern von Freiwilligkeit in dem, was der tut oder lässt. „Liebe ist ein Kind der Freiheit“ meint also lieber eher weniger Gemeinsames, aber freiwillig und intensiv, statt von Pflichtgefühl aufgenötigt oder eingefordert. So sind viele Paare zu neuen Lösungen gekommen: Teilpartnerschaft als Mischform mit zeitweiligem Single-Dasein, offene Partnerschaft mit größeren Freiräumen wie z.B. zwei getrennte Wohnungen oder Lebensgemeinschaften mehrerer Paare, in denen auch Freundschaften zählen. Und vor allem Zeit für die Kommunikation mit dem eigenen „innere Kind“.

 

Und ein leibliches Kind solcher Eltern hätte viel gewonnen: zwei lebendige Vorbilder, die jeder für sich stehen und dennoch kooperieren. Unsere Welt ändert sich, die alten Modelle funktionieren als Standardmaß nicht mehr. Was können wir Kindern heute Besseres geben als die Fähigkeit, sowohl als Single wie als Partner ihr volles Potential an Lebensglück zu leben?

 

Fazit:

Lösungen liegen da, wo wir bisher nicht hingeschaut haben. Oder anders ausgedrückt:
Wir brauchen einen Zuwachs an Bewusstsein und an emotionalen ‚Ressourcen‘, um Single-Leben zu einer genussvollen und ‚vollständigen‘ Daseinsform zu machen. Egal wie lange es währt, ob als Dauerlösung oder vorrübergehend, die Person hat durch diese Erfahrung etwas Unschätzbares (zurück) gewonnen: In sich selbst die wahre ‚Quelle‘ von Fülle zu erleben und diese mit Freude und Elan nach außen zur Entfaltung zu bringen.

 

 

Petra Uhlenbrock

Diplom-Psychologin -

Psychologische Psychotherapeutin

bei

Seminare und Coaching Rhein-Sieg

 


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